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Rezensionen zu ‚Die Kunst stillzusitzen‘

Vorgelesen

Die wichtigsten Bücher der Woche

Spiegel Online, 1.9.2010

Von Sibylle Mulot

Selbst Prostata-Leiden lassen sich stilvoll beschreiben, stellt Sibylle Mulot fest.

Tim Parks ist Tim Parks ist Tim Parks, auch wenn er ein Buch über seine Prostata schreibt. Gut ging es dem Romancier wahrlich nicht mehr: Sechs mal pro Nacht raus, starke Schmerzen in Becken, Bauch und Kreuz – und dann nicht pinkeln können. Parks, 51 Jahre alt, war verzweifelt.
Die Organ-Untersuchungen ergaben nichts. Kein Krebs (sein Vater war daran gestorben), und auch sonst – nichts. Er macht eine höchst interessante Entdeckung: Sein Körper besteht auch aus Muskeln! Ein Buch mit dem Titel „Kopfschmerzen im Becken“ weist ihm den Weg zur „paradoxen Muskel-Entspannung“. Sie bringt Linderung. Aber die Schmerzen bleiben.
Nun muss alles auf den Prüfstand, Leben und Psyche. Etwa Heimweh? Der Engländer Parks, mit einer Italienerin verheiratet, arbeitet als Sprachprofessor in Verona. Sein Verhältnis zu Literatur, zum Schreiben? Er lebt in permanenter Selbst-Überforderung. Seine Erziehung? Vater Parks war ein disziplinierter Geistlicher, Tim Parks ist Workaholic. Nervös und verbissen kämpft er sich auch durch Wildwasser, Shiatsu-Massage und Meditations-Seminare, als könne er den verspannten Teufel mit dem verkrampften Beelzebub austreiben. Endlich trifft er auf den für ihn richtigen Guru, (einen Amerikaner), begreift Meditation, verneigt sich vor dem toten Vater, kehrt geläutert, gelockert, gebessert nach Hause zurück – und schreibt alles auf. Mit der gewohnten stilistischen Brillanz.