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Rezensionen zu ‚Weißes Wasser‘

Im Strudel der Gefühle

Tim Parks steigt ins Kajak der Extremsportfans

Von Silja Ukena

Die Zeit, 28.7.2005

Früher, da gab es Kriege, die dem Tod Allgegenwart verliehen, Krankheiten und Missernten. Noch früher waren es Mammuts und Säbelzahntiger. Kurz, das Leben war stets von äußeren Dingen bedroht, und kein Mensch wäre auf die Idee gekommen, es freiwillig zu riskieren, um beispielsweise eine ungesicherte Felswand hinaufzuklettern oder sich reißenden Stromschnellen auszusetzen. Heute, wo der (wohlgemerkt westliche) Mensch Urlaub hat, das Essen vorgewärmt aus der Kantine kommt und nichts mehr kickt, gibt es dank diverser Extremsportarten doch noch eine ganze Menge gut organisierter Möglichkeiten, sich in Gefahr zu bringen. Im Grunde handelt es sich beim Extremsport um ein Paradoxon: Archaische Gefühle von Todesangst und Ausgeliefertsein sollen sich im Angesicht der Naturgewalten einstellen, gleichzeitig tritt man dazu aber im neusten Outfit an, mit Spezialhelm und Neoprenanzug. Damit am Ende eben doch alles nur Nervenkitzel bleiben möge.
Die Motive wiederum, sein Leben auf diese Weise herauszufordern, sind psychologisch hoch interessant. Wie gemacht für Tim Parks, der in seinen Romanen, zuletzt in Doppelleben (2003), eine Vorliebe für die inneren Konflikte und Zerreißproben seiner Protagonisten gezeigt hat. Was auf den ersten Blick weniger zu diesem Autor passen will, ist Action. Genau daraus aber speist sich sein jüngster Roman Weißes Wasser – ohne sich damit jedoch ins flache Genre der Unterhaltungsliteratur zu verabschieden.
Gewiss, dieses Buch wiegt akademisch leichter als der eine oder andere seiner Vorgänger, dafür erzählt Parks aber auf seine unprätentiöse Art eine mitreißende Geschichte. Ort des Geschehens ist ein Campingplatz in den Südtiroler Alpen. Dort versammelt sich eine Gruppe von Engländern zum Wildwasserkajakfahren. Sechs Erwachsene und neun Jugendliche, die eine Woche auf dem Wasser verbringen wollen, krönender Abschluss soll die schwierige »Vier-Sterne-Prüfung« auf einem besonders gefährlichen Abschnitt des Flusses werden. Nicht zu vergessen die Essenz jedes Gruppenurlaubs: die »Gemeinschaftserfahrung«. Denn Alleingänge können auf dem Strom schnell lebensgefährlich werden.
Doch das fragile Gebilde der Gruppe ist vom ersten Moment an latent bedroht. Zu verschieden sind die Charaktere, die sich hier im Küchenzelt beim Abwasch behilflich sind; zu unterschiedlich ist das, was die Einzelnen bei diesem Abenteuer suchen. Da sind die Teenager, die Spaß wollen, Mutproben und vielleicht eine Ferienromanze; da ist die einsame Mittvierzigerin, ein ebenso kinn- wie humorloser Versicherungsmann, der seinen mitreisenden Sohn fortwährend als Versager bloßstellt; schließlich Vince, Bankdirektor in London, der zum ersten Mal nach dem plötzlichen Tod seiner Frau mit der gemeinsamen 15-jährigen Tochter im Urlaub ist. Geführt wird die Gruppe von Clive, einem radikalen Globalisierungsgegner, und seiner attraktiven italienischen Freundin Michela. Doch zwischen den beiden kriselt es, seit es bei Demonstrationen in Mailand zu Ausschreitungen kam.
Die Gefahr, die hier nicht von Strudeln und Felskanten ausgeht, ist schon spürbar, bevor Parks seine Protagonisten das erste Mal aufs Wasser lässt. Der Fluss legt sie schließlich nur bloß, die Ängste, Sehnsüchte und Aggressionen, wird so zu einer unaufdringlichen facettenreichen Metapher für den Konflikt zwischen dem Menschen und der Kraft der Natur.