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Rezensionen zu ‚Träume von Flüssen und Meeren‘

Indiens magische Fremde

Die Literarische Welt, 4.7.2009

Von IliJa Trojanow

Tim Parks erzählt in seinem neuen Roman von Indien und vom Nachleben eines genialen Wissenschaftlers

Es ist keine leichte Aufgabe, einen Roman über das Werk eines Wissenschaftlers zu schreiben, zumal wenn es sich um einen gerade verstorbenen Querdenker handelt, der zwischen den Disziplinen kampierte und zuletzt an einer allgemeinen Kommunikationstheorie
jenseits der Sprache arbeitete, diese jedoch folgerichtig nicht ausformulierte, sondern seine disparaten Gedanken in die Marginalien gelesener Bücher setzte. Der englische Autor Tim Parks hat diese Aufgabe bravourös gemeistert, und doch fragt man sich während der Lektüre gelegentlich, wieso er sich dieser Aufgabe gestellt hat.

Die Ausgangslage scheint trügerisch klar zu sein: Der Wissenschaftler Albert James ist gerade in Delhi gestorben, in den Armen seiner Ehefrau Helen, die als Ärztin lange Jahre in Ländern wie Kenia, Neu-Guinea und Indien praktisch gelebt hat, was er theoretisch behandelte. Sohn John, stets auf Distanz gehalten, eilt mit gemischten Gefühlen aus London herbei, ebenso ein etwas zwielichtiger amerikanischer Autor namens Paul Roberts, der es sich in den Kopf gesetzt hat, eine Biografie über James zu schreiben. Aus der Sicht dieser drei Menschen wird das Leben und Fortwirken des Verstorbenen umkreist, zwar wird einiges über sein Denken und seine Wirkung nachvollziehbar, in der Quintessenz bleibt allerdings ein widersprüchliches Bild eines brillanten, aber auch inkonsequenten Kopfes zurück.

Indiens Geist und Natur

Wer sich von dem poetischen Titel (Träume von Flüssen und Meeren) und dem kitschigen Umschlag (einsame Inderin im Fluss bei Sonnenuntergang) einen der üblichen Exotikromane verspricht, die in dem spirituellen und mysteriösen Indien eine dem rationalisierten westlichen Alltag fehlende Würze suchen, wird von diesem Roman enttäuscht sein. Zwar steht das Buch Tim Parks in einer langen Tradition englischer Romane, die in Indien angesiedelt sind, aber er vermeidet sowohl die kolonial-nostalgische Perspektive als auch die Verklärung von magischer Fremde.

Indien markiert in diesem Roman vor allem essenzielle Differenzen, an denen sich die Gedanken und Handlungen der Figuren entzünden: Die Differenz zum englischen Alltag, zum westlichen Wissenschaftsdiskurs, zum Reichtum des Nordens. Nur in Indien, impliziert die bewegende Kremierungsszene zu Beginn, kann ein eigenwilliger Denker wie James, der „den zentralen Widerspruch der Moderne erkannt“ hat, von Menschen aus verschiedenen Sphären der Gesellschaft gleichermaßen als Guru anerkannt und geliebt werden. Einer nach dem anderen erheben sich Freunde, Mitarbeiter und Schüler und vereinnahmen würdevoll den Verstorbenen, doch mit jeder Trauerrede wird unklarer, wer er war und wofür er stand. Parks weist übrigens in einer Vorbemerkung auf die Parallelen zwischen seiner Hauptfigur und dem Gelehrten Gregory Bateson hin, dessen Werke in deutscher Übersetzung teilweise bei Suhrkamp erschienen sind, unter vielversprechenden Titel wie „Geist und Natur; Eine notwendige Einheit und Ökologie des Geistes: Anthropologische, psychologische, biologische und epistemologische Perspektiven“. Wer aber mehr über Bateson erfahren will, schließt Parks, sollte „auf keinen Fall das vorliegende Buch konsultieren“.